Sehen, denken, reden?

Sprechenden Menschen kann geholfen werden

Supermarkt. 18.33h. Ich stehe ein wenig gelangweilt und sichtlich abgespannt  in der Reihe an der Kasse. Vorne versucht eine junge Mutter gleichzeitig das Verstauen der Lebensmittel in diversen Tüten und Taschen, das Kartenlesegerät und ihre etwa vier Jahre alte Tochter zu bändigen.

Hinter ihr klammert sich ein Pärchen, welches offensichtlich schon seit längerem eine erkleckliche Rente genießt, an einen hochvollen Einkaufswagen. Er schnauft entrüstet-genervt, weil es ihm zu lange dauert. Warum solche Leute dann unbedingt abends einkaufen gehen müssen, wird sich mir nie erschließen.

Ich erwäge kurz, mich woanders anzustellen, wo es momentan besser läuft. Aber mit Sicherheit zahlt dann direkt vor mir jemand seine Rechnung über 53,12 € mit Eincentstücken, die von der Kassiererin nachgezählt werden müssen. Die verzählt sich dann zweimal und lässt beim dritten Mal die Hälfte fallen, vor lauter Nervosität. Ich kenn mein Glück. Ich bleibe also, wo ich bin.

Plötzlich fühle ich mich beobachtet. Ein unangenehmes Gefühl, dass einem langsam in den Kragen kriecht, wie kalter Nieselregen. Links neben mir, halb im Gang, steht eine zierliche junge Frau mit erkennbarem Migrationshintergrund, wie es immer so schön im Verwaltungsdeutsch heißt. Und diese junge Frau schaut immer mal wieder verstohlen zu mir hoch!

Zwischen uns befinden sich nicht nur etwa ein Meter Luftlinie, sondern auch etwa dreißig Jahre und ein guter Zentner Abstand. Eine spontane Schwärmerei kann es demnach wohl kaum sein.  „Vielleicht habe ich ja eine Nudel im Gesicht“ denke ich so bei mir und will schon nach spiegelnden Flächen Ausschau halten.

Dann schießt mir die Möglichkeit durch den Kopf, dass ich möglicherweise unabsichtlich etwas zu offenherzig daherkomme. Gleichzeitig versuche ich mich unauffällig abzuwenden und mit der rechten Hand die vermutete Hosenöffnung zu ertasten. Ich erstarre in der Bewegung als rechts hinter mir lautes Geschepper ertönt. Meine verstohlene Bewegung hatte offenbar den Abstand zwischen mir und einem Verkaufsständer just in dem Moment verkürzt, als ein junger Mann sich an mir vorbeizudrücken versuchte. Dabei verfing sich sein mit einer braunen Kunstledertasche behängter Einkaufstrolly in besagtem Ständer und räumte das untere Viertel ab.

„Sie hätten ruhig mal was Platz machen können“ faucht er mich an. Mit seinem rotangelaufenen Kopf und seinem fitnessstudiogeformten Oberkörper im sehr knapp sitzenden, weissen T-Shirt erinnert er mich ein wenig an Popeye nach dem Genuss von Spinat. Den Kommentar „Entschuldigen Sie, dass ich unverzeihlicherweise  bei der Geburt auf das zweite Augenpaar im Hinterkopf verzichtet habe“ verkneife ich mir gerade noch. Statt dessen kommt nur ein leicht gegluckstes „Hätten Sie mal was gesagt“ über meine Lippen.

Während ich noch innerlich grinsend dem Aufgepumpten mit Omas Einkaufswägelchen hinterherschaue, wie er sich an eine der anderen fast leeren Kassen trollt, ertönt links neben mir ein zartes Stimmchen: „Würden Sie mich denn auch vorbei lassen?“

Sicher doch. Also keine Nudel im Gesicht.

kasparalleinzuhaus

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  1. Vermeindlich schöne Menschen haben doch das Recht gepachtet dass man ihnen jeden Wunsch von den Augen abliest. Sollte dies (durch ein fehlendes Paar Augen am Hinterkopf) nicht möglich sein hat man sich ständig umzuschauen ob ein wohlgeformter Mensch nicht irgendetwas braucht oder mal schnell vorbei muss.
    Ich fürchte aber der junge Popeye war nur schlecht gelaunt weil er Omas Einkaufswägelchen ziehen musste oder weil das sündhaft teuer, total hippe Einkaufsaccesoire von Nike, Dolce&Gabbane (oder sonst einer fancy Marke) anders als im Online Shop eben nur aussieht wie Omas Einkaufswägelchen.
    Danke für den Schmunzler am Mittag, mir fehlt in einem solchen Fall leider allzu oft die Schlagfertigkeit. Es reicht meist für nicht mehr als ein Kopfschütteln.

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