Von Budgets und den Segnungen einer Flatrate

Und täglich grüßt das Susanne-Tier

Ich habe eine neue Kollegin, Susanne heißt sie. Neu ist sie nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie hat im Betrieb und auch an sich schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Sie gehört aber in die Kategorie Kollegen, die jeden Tag neu sind. Denen kann man heute etwas erklären und morgen stehen sie mit denselben Fragen und Problemen wieder vor einem.

Als ich noch ein Frischling im Berufsleben war, konnte ich mir dieses Phänomen überhaupt nicht erklären.  Bis ich auf einen älteren, tiefgläubigen Kollegen traf, der mir folgende Erklärung lieferte:

„Der liebe Gott ist ein Künstler. Er wacht über alles und alles unterliegt seiner Kontrolle. Wenn er beschließt, einen neuen Menschen zu erschaffen, dann macht er jeden individuell. Und manchmal hat der liebe Gott eben auch einen schlechten Tag.“

Nett. Ich hab’s nicht so mit dem lieben Gott. Aber wenn es einen Schöpfer gibt, dann stelle ich mir vor, dass er für jeden Menschen ein bestimmtes Budget Mühe hat. Je nachdem wie der neue, zu erschaffende Mensch auf dem Band liegt, fängt er dann entweder am Kopf oder den Füßen an zu gestalten.

Bei Susanne hat er eben an den Füßen angefangen. Er hatte wohl auch einen schlechten Tag, denn er hat sich eindeutig verschätzt. In der Region unterhalb des Halses hat er ganz schön aus dem Vollen geschöpft. Oberhalb des Halses war das Budget dann fast aufgebraucht. Da hat es eben nur noch für das Modell Huddel und Murks gereicht: Sehen, Hören, Reden – das musste genug sein!

Ich arbeite in einer Planungsabteilung, in der es um Zahlen, Fakten und Datenbanken geht. Im tagtäglichen Umgang damit gewöhnt man sich eine gewisse Genauigkeit an oder man geht unter.

Vor ein paar Monaten wechselte Susanne vom Design auf eine operative Stelle und wie alle Neulinge aus diesem Bereich, bekam auch sie von mir ein Training, dass Sie fit machen sollte im Umgang mit unseren Systemen und Abläufen. Ich musste allerdings sehr schnell erkennen, dass Susanne im Bereich logischen Denkens nicht zu den herausragenden Köpfen dieser Nation gehört.

Stattdessen versuchte sie (und sie tut es heute noch), ihre Ansätze aus der Designabteilung zu adaptieren, mit denen sie mir schon früher bei gelegentlichen gemeinsamen Meetings auf die Nerven gegangen ist. Da geht es um Fühlen und Spüren, um Glauben und Meinen. Irgendwann ist mir dann der Kragen geplatzt:

„Wenn du was fühlen oder spüren willst, kauf dir ’ne Wünschelrute! Wenn du aber den Fehler finden willst, dann hör zu oder besser noch: SCHREIB ES DIR AUF! Glauben hilft vielleicht in der Kirche, hier musst du ’ne Analyse machen und noch was:

Meinungen sind wie Arschlöcher – Jeder hat eins!“

Das konnte natürlich nicht gutgehen. Kurz darauf bat mich mein Abteilungsleiter zum Gespräch, ließ sich den Vorfall aus meiner Sicht schildern und wies mich dann abschließend noch auf die Grundsätze zum partnerschaftlichen Umgang in unserem Unternehmen hin.

Das Klima zwischen Susanne und mir entwickelte sich in der Folge erst einmal etwas frostig. Emails oder Diskussionen wurden betont sachlich (und vor allem von meiner Seite) kurz gehalten, was ich sehr zu schätzen wusste. Der mangelnde Sachverstand pulverisierte jedoch ihre Kaspar-Aversionen in relativ kurzer Zeit. Der tagtägliche Umgang mit Problemstellungen aus der Operativen und ihre umfassende Hilflosigkeit führten dazu, dass ich in Susannes Ansehen binnen kürzester Zeit vom „Herrn Hauser!“ zum „Lieben Kaspar“ mutierte.

Heute ist es mal wieder soweit. Heute ist das große halbjährliche Absatzmeeting. Alle Abteilungen entsenden Mitarbeiter in dieses Meeting, um Ziele und Projekte vorzustellen und zu besprechen. So sitzen wir alle im großen Konferenzraum und reihum werden kurze Vorträge gehalten. Susanne ist auch da und hat etwas vorbereitet. Etwas, mit dem sie mir gestern noch den gesamten Vormittag gestohlen hatte. Sie beginnt mit den Worten: „Basierend auf Kaspars Erklärungen zu den Datenbanken und den Prozessen habe ich zwei Projekte für das nächste Jahr identifiziert…“

Es folgen Zahlen und Daten, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind, einzelne Prozessschritte fehlen, dafür werden Abläufe en Detail geschildert, die es so bei uns nie gegeben hat und bei einem Projekt widersprechen sich die Schlussfolgerung aus der Voruntersuchung und die Zielsetzung.  Und alle Mitdeppen schreiben den Mumpitz fleißig mit.

„Das ist wieder mal Quatsch!“ Ich muss mir angewöhnen, nicht mehr laut zu denken. Vor allem nicht so laut! Es ist plötzlich mucksmäuschenstill. Alle kennen Susanne, alle kennen mich. Susannes Teint nimmt die Farbe einer schnittfesten Tomate an. Die Kombination von „Quatsch“ mit „mal wieder“, verpackt in einen Satz, der an Susanne gerichtet war, lässt unvermittelt alle Anwesenden auf einmal angestrengt in die Unterlagen auf dem Tisch stieren.

Alle außer unserem Direktor.

„Meine Damen, meine Herren, ich denke, es wird mal wieder Zeit, die Tradition unseres Political-Correctness-Sparschweins aufleben zu lassen.“ Na super, jeder Verstoß gegen die Unternehmensetikette wird ab jetzt mit einer Strafzahlung von fünf Euro belegt. Am Ende des Jahres geht die Summe dann an eine wohltätige Organisation.

„Gut, dann lassen sie es mich anders ausdrücken.“ korrigiere ich meinen Fauxpas. „Alles was sie eben bei Susannes Vortrag aufgeschrieben haben, können sie getrost wieder streichen!“ Die ersten Teilnehmer geben leise Geräusche von sich, die entfernt an Asthma erinnern.

Susannes Gesichtsfarbe erinnert jetzt eher an einen weit fortgeschrittenen Sonnenuntergang über der Sahara. „Aber das haben wir doch erst gestern noch so besprochen. DU hast mir das so erklärt!“

Während ich noch darüber nachdenke, wie ich es vermeide, meinen nächstes Monatsgehalt an Amnesty International zu verlieren, segelt ein nicht allzu kräftiges „Nö!“ quer durch den Raum, entfaltet sich über dem Konferenztisch zu voller Größe und klatscht auf Susannes tiefrote Stirn, die schlagartig in einen Anflug nobler Blässe wechselt. Ich musste mich einfach nach der Quelle dieses verbalen Fallbeils umdrehen, obwohl ich genau wusste, von wem es stammte.

Es war Jens.

Jens ist ein eher stiller und unauffälliger, aber blitzgescheiter junger Mann, der heute seinen letzten Praktikumstag hat. Ich hatte ihn aus diesem Grund mitgenommen, denn er sollte kurz vor Antritt seines Studiums einen Eindruck davon bekommen, wie Entscheidungsfindungen in einem Unternehmen von statten gehen.

Wochenlang hatte er in einer Ecke meines Büros gesessen und klaglos alle Arbeiten übernommen, die ich ihm anwies, vom Bereinigen des Datenschrotts anfangs, bis zur Neuerstellung einer kompletten Datenbank zum guten Schluss.

Jeden Tag hatte er erleben müssen, wie Susanne reingestöckelt kam, immer mit einem süßlichen „Guten Morgen, mein lieber Kaspar!“ auf den Lippen. Meine anfänglichen Versuche, sie mit einem Kopfnicken in Jens Richtung dazu zu bewegen, auch ihn zur Kenntnis zu nehmen, habe ich bald aufgegeben. Dafür habe ich immer wieder mitbekommen, wie er die Augen verdrehte, wenn die liebe Susanne mal wieder mit allzu dämlichen Fragen daherkam.

„Wollen SIE damit etwa sagen, dass ICH lüge?“ Mit bebender Stimme und leicht zusammengekniffenen Augen nimmt Susanne Jens ins Visier.

Jens bleibt völlig ungerührt. „Was ich sagen will, ist, dass ich, obwohl ich keine Sicht auf den Bildschirm hatte, genau gehört und auch verstanden habe, was Kaspar Ihnen gestern erklärt hat. Das ist IHNEN offensichtlich nicht gelungen, denn Sie haben hier eben etwas völlig anderes erzählt.“

„Na, da sind aber jetzt fünf Euro fällig!“ kreischt Susanne und blickt hilfeheischend erst ihren Chef und dann den Direktor an.

„Das könnense vergessen“ grinst Jens.“ Für Political Correctness hab ich ne Flatrate!“

Ich glaube, ab sofort bin ich wieder Herr Hauser. Das wird ja eine Kur. Danke Jens!

kasparalleinzuhaus

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