Deutschland schweigt

Deutschland schweigt – wieder einmal

Heute um 12 Uhr mittags war es soweit: Deutschland hielt inne, versank in Schweigen, gedachte der Opfer rechter Gewalt.  Und alle machten mit – naja, vielleicht doch nicht alle.  Zu letzteren gehörte ich auch.

Nicht das es mir um diese Opfer nicht leid getan hätte. Ich bin auch kein Anhänger rechter Ideologien, geschweige denn, dass ich Gewalt befürworten würde. Ich habe mich nur gefragt, was die Opfer, derer man da so still gedachte, zu dieser Aktion zu sagen gehabt hätten. Ob die wirklich so begeistert davon gewesen wären? Hätten sie gesagt „Ja, das finden wir prima, dass ihr alle den Mund haltet!“? Oder wären sie wie ich eher Anhänger des Mottos gewesen „Arsch huh, Zäng ussenander“?

Wenn wir mal für einen Moment annehmen wollen, dass sie auch lieber Letzteres hätten, an wen würden sie das denn adressieren wollen oder können?

Da wäre in meinen Augen erst einmal das Grundgesetz zu beachten. In Artikel 21 heißt es: “ (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit…“. Damit stehen meines Erachtens  die politischen Lautsprecher jedweder Couleur in der ersten Reihe. Wer gegen Rechtsextremismus und dessen Gewalt ins Feld ziehen will, muss das mit dem politischen Willen zur Bildung tun. Aus Bildung wächst Verstehen, Verstehen führt zu Verständnis, Verständnis zu Toleranz und Toleranz verdrängt schließlich Gewalt. Klingt eigentlich ganz einfach, aber warum schaffen wir es dann trotzdem nicht?

Wir sprechen zwar alle deutsch, aber noch längst nicht dieselbe Sprache. Sechs Striche im richtigen Winkel an eine Hauswand zu pinseln, kann man mit zweimal Üben jedem Deppen beibringen.  Bei „Einigkeit und Recht und Freiheit“ hapert es oft schon an ausreichenden Rechtschreibkenntnissen und dazu ist es zu umfangreich, als das es auf einer rot-weißen Armbinde untergebracht werden könnte.

„Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ – Das versteht Max Mustermann und auch Hans Wurst. Im Zweifel sind sie deutsch und die anderen eben Ausländer.  Bei der Definition und gar Anwendung der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ tun sich Legislative, Judikative und auch Executive schon schwer (siehe u.a. Wikipedia => Kopftuchstreit). Wie sollen dann Max und Hans, du und ich und werweissnoch damit auf Anhieb zurecht kommen?

Rechtes „Marketing“ ist erfolgreich. Es ist erfolgreich, weil es in all seiner Einfachheit Max Mustermann und Hans Wurst auf der Couch vor dem Fernseher und am Tresen abholen und mit auf die Reise nach rechts nehmen kann.

Was ist also zu tun? Soll man mit ebenso einfachen Sprüchen gegenhalten?  Vielleicht, aber das wird nicht einfach, wie ich ja oben schon angerissen habe.

Oder soll man lieber Max und Hans „impfen“, damit das rechte Saatgut gar nicht erst aufgehen kann? Da stünde dann wieder Bildung im Vordergrund, die allerdings nicht nur politischer Natur sein müsste.

Wir brauchen wahrscheinlich eine Mischung, je bunter, je besser, in der für möglichst jeden etwas zu finden ist. Laut Grundgesetz sind wir zwar alle gleich, die Realität sieht jedoch (leider? Gottseidank?) anders aus.  Diese Mischung muss dann auch noch großflächig unter das Volk gebracht werden. Aber genau bei diesen beiden Punkten sehe ich die Defizite.

Verfolgt man entsprechende Berichterstattungen in den Medien, gewinnt man den Eindruck dass nicht nur die Mischung und Konzepte dazu fehlen, sondern auch bereits weite Landstriche von Bundes- und Landespolitikern faktisch aufgegeben wurden. Wer seinen Acker aufgibt, muss sich nicht wundern, wenn andere ihn bestellen. Die betroffenen Reden hinterher schmecken dann immer etwas schal.

Natürlich können Politiker diese Aufgabe nicht allein stemmen. Sie brauchen die Hilfe und Mitarbeit  des Volkes, unser aller Können, Wissen und Fähigkeiten. Sie können allerdings den Boden bereiten, die Voraussetzungen schaffen, Mittel bereitstellen. Statt in aller Öffentlichkeit Überlegungen bezüglich Steuersenkungen anzustellen, wenn die Einnahmen sich in einem Jahr mal positiv entwickeln,  wäre es eher angebracht diese Mehreinnahmen in unseren wichtigsten Rohstoff zu stecken – Bildung.

Genug schwadroniert, ich lade morgen den verkniffenen Kampfstiefelträger aus der Nachbarschaft auf einen Döner ein. Was sag ich – morgen? Das wird wohl eher heute sein.

Es ist mittlerweile weit nach Mitternacht und das Schweigen war gestern.

kasparalleinzuhaus