Ökonomie leicht gemacht?

Wie Ökonomie und Philosophie miteinander ins Bett sollen

Bei einem anderen auf wordpress beheimateten Blogger (tinyentropy) bin ich auf einen Link zu einer aufgezeichneten Fernsehsendung des Schweizer Fernsehens gestoßen (Schweizer Fernsehen: Tomáš Sedláček – Ökonomie: nichts als Moral). Darin diskutiert der Ökonom Tomáš Sedláček seinen eher philosophischen Ansatz der Ökonomie. Auf einige Aspekte dieser Sendung möchte ich hier eingehen.

Von Anbeginn der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte finden sich Belege für das Streben des Menschen nach Mehr. Dieses Streben nach Mehr möchte ich im weiteren Verlauf mit dem Begriff „Gier“ bezeichnen.

Gier kann man berechtigterweise als Instinktverhalten betrachten. Ressourcen oder Güter anzuhäufen, die erheblich größer sind, als das, was man zum (Über)Leben benötigt, kann nicht gerade als vernünftig betrachtet werden. Das trifft umso mehr zu,  wenn dadurch das Überleben von Teilen der eigenen Spezies massiv bedroht ist. Trotzdem ist Gier Teil der menschlichen Natur und kann als eine der Triebfedern für Fortschritt und den derzeitigen westlichen Lebensstandard betrachtet werden. Mit den Mitteln der Ökonomie wird dieser Standard so gut wie möglich aufrecht erhalten. Hierin stimme ich mit Sedláček überein.

Tomáš Sedláček will die Wurzel der Ökonomie, eben jene Gier, mit einem philosophischen Ansatz im Zaum halten. Seiner Meinung nach müssen wir als Gesellschaft hehre Ziele definieren, die wir dann mit den Mitteln der Ökonomie zu erreichen suchen sollten. Wenn wir der mittlerweile entseelten Wirtschaft nicht die philosophischen (wahlweise evtl.  auch: soziologische, anthropologische oder künstlerische)  Zügel anlegen würden, wende sich dieser Zombie irgendwann gegen uns.

Da sehe ich schon das erste Problem. Die vergeistigte Philosophie soll die instinktbelastete Gier eindämmen und zu einem philantropen Ziel führen. Das erinnert mich ein wenig an Dundee, wie er das Krokodil mit der Kraft seines Blickes und kleinem und Zeigefinger in den Bann schlägt. Da weiß auch jeder: “ Das gibt es nur im Film!“

Neben der Mäßigung, gegen die ich gar nichts einzuwenden habe, rät Sedláček Staaten oder auch Bündnissen wie der EU, in guten für schlechte Zeiten vorzusorgen. Damit sollen Konjunkturschwankungen ausgeglichen werden, damit Krisenszenarien wie die derzeitige Finanzkrise uns nicht mehr so hart treffen. In diesen Themenkomplex steigt er ein, indem er das Alte Testament (Genesis, Kapitel 41) bemüht. Dort lässt der Pharao sich seinen Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen von Joseph deuten. Der rät ihm in den kommenden sieben „konjunkturstarken“ Jahren Rücklagen für die darauf folgenden sieben „konjunkturschwachen“ Jahre zu bilden.

Mir war noch nie klar, wie man das damals bewerkstelligt haben soll. Damals gab es ja keins der heute gebräuchlichen Konservierungsmittel, mit denen man Lebensmittel und anderes leicht Verderbliches hätte einlagern können. Kühltruhen waren ebenfalls unbekannt und selbst wenn es diese gegeben hätte – auch eingefroren hätte der Schweinebraten nicht einmal zwei Jahre überstanden.

Das Unverständnis setzt sich bei mir fort, wenn Sedláček vorschlägt, dieses auf heutige Wirtschaftssysteme zu adaptieren. Wenn wir bei einem Bruttoinlandsprodukt der EU von knapp 16,5 Billionen US-Dollar (Stand 2009, Quelle: Wikipedia) nur zehn Prozent für schlechte Zeiten sparen wollten, dann wären das immerhin 1,65 Billionen US-Dollar. Das wäre in etwa soviel, wie der Riesenstaat Brasilien in einem Jahr insgesamt erwirtschaftet. Wo wollten wir solche Summen denn parken? Wie sollte dieses Geld angelegt werden, damit es krisensicher ist? Und wir wären ja nicht alleine.  Wenn dies ein erfolgversprechendes Konzept sein sollte, müsste es weltweit angewandt werden.

Knapp sechs Billionen US Dollar Wirtschaftsleistung wären dann weltweit unterzubringen.  Nur wie? Und das Ganze gälte nur für ein Jahr. Was, wenn wir mehrere konjunkturstarke Jahre sähen? Worin wollen wir investieren, damit die angesparte Wirtschaftsleistung nicht in einer Krise nicht vorhersehbarer Natur verlorengeht? Oder bringen wir einfach das Geld zur Bank?

Die viel spannendere Frage wird von Tomáš Sedláček noch nicht einmal angeschnitten. Was geschieht in  konjunkturschwachen Jahren, wenn wir die zehnprozentigen Sparguthaben in Anspruch nehmen wollten? Wie entziehen wir einem bereits kriselnden System angesparte Ressourcen zur Stützung und zum Wiederaufbau, ohne es vollständig zum Kollaps zu bringen?

Im weiteren Verlauf des Interviews wird Sedláček nur wenig konkreter. Er möchte in starken Jahren die Konjunktur  „einbremsen“, um diesen gezügelten Konjunkturaufschwung in den schwächeren Phasen zum Ausgleich zu nutzen, ohne genauer darauf einzugehen, wie das erzielt werden könnte. Das würde aber voraussetzen, dass man genau wüsste, wie lange und wie stark der Aufschwung sein würde und wie lange und wie stark die Krise sein würde. Selbst wenn man dies wüsste, müssten prognostizierter Auf- und Abschwung immer noch ungefähr gleiche Amplituden und Längen haben, sonst geriete dieses System aus dem Gleichgewicht. Die sich aufdrängende Frage, wie die derzeit völlig überschuldeten Staaten dieses Szenario überhaupt umsetzen sollten, bleibt völlig unbeantwortet. Konjunkturstarke Jahre würden von diesen vor allem für die Schuldentilgung benötigt.

Die Hilf- und Ratlosigkeit mit der Ökonomen vor der derzeitigen Finanzkrise stehen, lässt mich daran zweifeln, dass die „Lösungsansätze“, die Tomáš Sedláček in diesem Interview vage ausbreitete, jemals Realität werden könnten.

Der Mensch bleibt eben ein haarloser Affe, der nicht nur glaubt, ein Auto fahren, sondern es auch finanzieren zu können.

kasparalleinzuhaus