Offener Brief an den Innenminister

Sehr geehrter Herr Dr. Friedrich,

Teilweise mit Bestürzung, manchmal auch mit Belustigung, meist aber mit recht gemischten Gefühlen durften wir Deutschen am eigenen Leib erleben, wie es zugeht – oder zugehen sollte, wenn es bei unserem Innenminister fremdelt. Ob es dabei um das Internet und seine Nutzer ging, die sich ja vor allem so leicht hinter ihren achso anonymen IP-Adressen verstecken können und daher erst einmal unter Generalverdacht gestellt gehören oder Genossen anderer Parteien, die aufgrund ihres differierenden Spektrums großzügig mit (Über)Wach(ungs)personal bedacht wurden, oder um Andersgläubige, die ungeachtet ihrer Herkunft (Tipp: gibt es auch mit deutschen Pässen und sogar ohne „Migrationshintergrund“), Integrationstiefe, Aufenthaltsdauer, gesellschaftlicher, kultureller oder gar wirtschaftlicher Bedeutung en passant als nicht dazu gehörig abgekanzelt werden.

Aber , lieber Herr Dr. Friedrich, so richtig wundern will uns das alles nicht. Was kann man erwarten, wenn aus einem Berufsstudenten ein Berufspolitiker erwächst, wenn man erst dies und dann das studiert und schließlich wieder bei dies promoviert? Da darf man getrost erwarten, dass die Erdung nicht verloren geht, sondern nie bestanden hat. Es erstaunt bei näherer Betrachtung des Rests unserer Staatslenkerriege  auch nicht weiter, dass so jemand in eines der höchsten Ämter unseres Staates vorrückt und dort auch noch ungestraft über allerlei Themen döspaddeln darf, ohne dass jemand mal „Halt’s Maul!“ schreit. Erstaunen würde uns wohl eher, wenn sich bei einer direkten Wahl für Sie noch eine Mehrheit ergäbe. Wer da die Hand – nur zum Abstimmen selbstverständlich – noch heben will, der muss tatsächlich tiefst geschwärzter Hardcorebayer durch und durch sein.

Wie dem auch sei: Nun hat es also die Griechen getroffen!

Herr Dr. Friedrich,  ich kann ja verstehen, dass Ihnen in Ihrem Amt als deutscher Innenminister die Wiege der westlichen Demokratie pupsegal ist,  dass einem Juristen altgriechische Philosophen, die sich unter anderem mit Staatslehre, Ethik, Dialektik oder – als abstrakter Höhepunkt – Logik beschäftigt haben,  eher ein Graus sind, und dass der angetäuschte Betriebswirtschaftler in den maroden antiken Bauten eher ein Geschäftsrisiko mit Rücklagen- und Einnahmenunterdeckung und Unterhaltungsstau sieht, – all das verstehe ich noch rudimentär. Der Fastvolkswirtschaftler in Ihnen hätte aber doch aufschreien müssen bei der Äußerung „…“Außerhalb der Währungsunion sind die Chancen Griechenlands, sich zu regenerieren und wettbewerbsfähig zu werden, mit Sicherheit größer, als wenn es im Euroraum verbleibt.“!

Wie sollte denn das Ihrer Meinung nach von statten gehen? Mit einer wiedereingeführten Drachme, die sich angesichts der griechischen Infrastruktur und den ungelösten wirtschaftlichen und politischen Problemen im freien Trudeln wiederfinden dürfte? Und bedeutet raus aus der Eurozone auch raus aus der EU? Oder wollten Sie etwa die wirtschaftliche und politische Einheit beibehalten und nur die Währung rauslassen? Hatten Sie wirklich geglaubt so etwas funktioniert? Oder hätten sie das Ausscheiden eines Mitgliedsstaats aus der EU, der bei den ersten Erweiterungen vor 30 Jahren dabei war und dessen Hauptstadt 2004 Schauplatz der Unterzeichnung der größten Erweiterung der EU überhaupt war, billigend in Kauf genommen? Nicht vor den Toren sondern in den Grenzen Europas wünschen Sie sich ein hausgemachtes Schwellen- oder Dritte-Welt-Land?  Wäre ein Familienurlaub auf Rhodos dann nicht spaßig?

Wenn wir den vermeintlich leichten Weg gehen und Griechenland mit einem „Angebot“ aus der Eurozone entlassen, wie gedenken Sie diese Tür wieder zu schließen, damit wir andere Wackelkandidaten nicht ebenfalls mit solchen Angeboten beglücken dürfen und die einst hochgelobte Eurozone so Stück für Stück pulverisiert wird?

Lieber Herr Dr. Friedrich, außer Geschwafel haben wir leider mal wieder nicht viel von Ihnen gehört. Wieviel schöner wäre es gewesen, wenn Sie Ihren Atem, Ihre Stimme und Ihr schwindendes politisches Gewicht dazu genutzt hätten, wahre Lösungen für Griechenland zu finden und zu propagieren. Wie wäre es, wenn wir unseren griechischen Freunden und Partnern nicht nur eine Totspartroika schicken und stattdessen eine ausreichende Anzahl an erfahrenen und von der EU bezahlten Beamten, Angestellten und Spezialisten entsenden würden, um ihnen dabei zu helfen, die von uns gestellten Aufgaben zu erfüllen. Ich könnte mir sehr gut ein paar tschechische Gerichtsvollzieher vorstellen, die man auf säumige Steuerzahler loslässt. Interessant wären vielleicht auch ein paar italienische Staatsanwälte, die dann in der Korruptionsbekämpfung einzusetzen wären. Da lassen sich bestimmt noch sehr viele Beispiele finden, genauso wie juristische, politische und auch einfach menschliche Stolpersteine.

Ich fände allerdings diese Art der Zusammenarbeit deutlich partnerschaftlicher und auch humaner, als einfach zu sagen: „Ich mach euch ein Angebot und dann seht mal zu, wie ihr fertig werdet“.

In diesem Sinne

kasparalleinzuhaus

ps: Geboren und aufgewachsen in Naila? Sind Sie da sicher Herr Dr. Friedrich? Nicht vielleicht etwas weiter südlich? So in Höhe Palermo, Don Friedrich?